Das Projekt
Jorf Lasfar Energy Company (JLEC)
Jorf Lasfar (arabisch für „Gelbe Klippen") ist ein Tiefwasserhafen an der Atlantikküste Marokkos, 100 Kilometer südlich von Casablanca, und Heimat einer der wichtigsten Industriezonen des Landes. Zu Beginn der 1990er Jahre stand Marokko vor einer ernsthaften und wachsenden Herausforderung im Energiebereich: Rasches Wirtschaftswachstum hatte die Nachfrage nach Strom weit über das hinausgetrieben, was das nationale Netz zuverlässig liefern konnte. Das staatliche Stromversorgungsunternehmen, die Office National de l'Électricité (ONE), erlebte 1993 und 1994 schwere Versorgungsengpässe. Neue Erzeugungskapazitäten wurden dringend benötigt — doch die Haushaltszwänge der Regierung machten eine traditionelle öffentliche Finanzierung eines Großkraftwerks unmöglich.
Marokko war das erste Land in Nordafrika, das unabhängige Stromproduzenten (Independent Power Producers, IPPs) einführte.* Im Jahr 1994 änderte die Regierung das marokkanische Stromgesetz gezielt, um private Stromerzeugung erstmals zuzulassen, und schrieb international aus: Ein privater Betreiber sollte die beiden bestehenden 330-MW-Kohleblöcke in Jorf Lasfar übernehmen und zwei weitere Blöcke gleicher Spezifikation errichten.
Projekt-Beschreibung
Das Konsortium ABB/CMS erhielt im Februar 1995 den Zuschlag als Alleinbieter; im April 1996 wurde mit ONE ein Protokollabkommen unterzeichnet. Die resultierende Struktur war eine 30-jährige Build-Transfer-Operate-Konzession (BTO). Die Projektgesellschaft Jorf Lasfar Energy Company (JLEC) wurde nach marokkanischem Recht als Joint Venture zwischen der ABB Asea Brown Boveri Ltd (Schweiz) und der CMS Generation Co. (USA) gegründet, mit jeweils 50-prozentiger Beteiligung. JLEC pachtete die beiden bestehenden Blöcke von ONE, errichtete die Blöcke 3 und 4 auf Festpreisbasis als schlüsselfertiges Projekt und verkaufte den gesamten erzeugten Strom im Rahmen eines langfristigen Stromabnahmevertrags an ONE. Nach Ablauf der 30-jährigen Laufzeit gehen die Betriebsrechte an ONE zurück. Der finanzielle Abschluss erfolgte im September 1997.
Mit Gesamtprojektkosten von USD 1,508 Milliarden war das Jorf-Lasfar-Projekt zum Zeitpunkt seines finanziellen Abschlusses das größte unabhängige Energieprojekt in Afrika und dem Nahen Osten — und die größte ausländische Einzelinvestition, die jemals auf marokkanischem Boden getätigt worden war — mit einer endgültigen Erzeugungskapazität von 1.320 MW, entsprechend rund einem Drittel des nationalen Strombedarfs Marokkos.
Finanzierungs-Beratung
Peter Hellmonds leitete die Finanzierungsarbeit der ABB Deutschland für die JLEC-Transaktion von der ABB Financial Consulting GmbH in Mannheim aus. Seine Aufgaben umfassten das gesamte Spektrum der Projektfinanzierung: die Strukturierung der deutschen Zweckgesellschaft, die Verhandlung der Investitionsgarantie mit der deutschen Bundesregierung, die Koordination mit ABB-Gesellschaften in der Schweiz, den USA und Italien sowie die Abstimmung mit CMS Energy als amerikanischem Co-Sponsor. Die Investitionsgarantie des Bundes — die den gesamten ABB-Eigenkapitalbeitrag von DM 300 Millionen im Rahmen des deutsch-marokkanischen bilateralen Investitionsschutzabkommens absicherte — war ein strukturell entscheidendes Element der Transaktion, das den ABB-Eigenkapitalbeitrag erst bankfähig machte. Der finanzielle Abschluss erfolgte im September 1997.
Wesentliche Merkmale
| Projekt | Erweiterung und Privatisierung des Kraftwerks Jorf Lasfar |
| Standort | Jorf Lasfar, Atlantikküste Marokkos, 100 km südlich von Casablanca |
| Struktur | Build-Transfer-Operate (BTO) / 30-jährige Konzession |
| Sponsoren | ABB Asea Brown Boveri Ltd (Schweiz) 50% — CMS Generation Co. (USA) 50% |
| Projektgesellschaft | Jorf Lasfar Energy Company (JLEC), gegründet nach marokkanischem Recht |
| Kapazität | 4 × 330 MW kohlebefeuerte Einheiten (1.320 MW gesamt); rund ein Drittel der marokkanischen Stromerzeugung |
| Gesamtprojektkosten | USD 1,508 Milliarden |
| Finanzieller Abschluss | September 1997 |
| Stromabnehmer | Office National de l'Électricité (ONE), Marokko — im Rahmen eines 30-jährigen Stromabnahmevertrags |
| Bedeutung | Zum Zeitpunkt des Abschlusses größtes unabhängiges Energieprojekt in Afrika und dem Nahen Osten; größte ausländische Einzelinvestition in Marokko bis dahin |
Finanzierungs-Struktur
Die Gesamtprojektkosten von USD 1,508 Milliarden wurden auf regressbeschränkter Basis mit einem Verhältnis von 25:60:15 aus Eigenkapital, erstrangigen Fremdmitteln und überschüssigem Betriebscashflow finanziert. Das Fremdkapitalpaket von rund USD 894 Millionen wurde von ABN AMRO als federführender Bank arrangiert und durch ein Konsortium von Exportkreditversicherern abgesichert, deren Beteiligung jeweils von der Mitwirkung der Weltbank abhing: die US Export-Import Bank (US EXIM), die Overseas Private Investment Corporation (OPIC), das italienische SACE, das schweizerische ERG sowie die deutsche Hermes Kreditversicherungs-AG. Die Weltbank stellte eine Partielle Risikogarantie von bis zu DM 313 Millionen (rund USD 184 Millionen) gegen politische Länderrisiken bereit — jene Garantie, die das gesamte kommerzielle Kreditgeberkonsortium erst ermöglichte.
Der Eigenkapitalbeitrag der ABB von DM 300 Millionen wurde durch eine Investitionsgarantie des Bundes abgesichert, die im Rahmen des bilateralen Investitionsschutzabkommens zwischen Deutschland und Marokko gegen Enteignung, Transferbeschränkungen und politische höhere Gewalt schützte. CMS Energy stellte den entsprechenden 50-prozentigen Eigenkapitalbeitrag auf amerikanischer Seite bereit. Die Fremdmittel wurden sowohl in US-Dollar als auch in Deutsche Mark aufgenommen, was den multinationalen Charakter der Sponsoren- und Kreditgeberstruktur widerspiegelt.

